Ein Gastbeitrag von Prof. Regine Reichwein

Heute schreibe ich mal nicht selbst, sondern ich lasse schreiben. Ich freue mich, einen Beitrag einer geschätzten Kollegin hier einstellen zu dürfen.

 

Die Autorin ist Regine Reichwein, Professorin.Sie studierte Mathematik, Physik, Psychologie, Philosophie und Politologie mit dem Abschluss Staatsexamen. 5 Jahre Tätigkeit als Gymnasiallehrerin, Ausbildung zur Gestaltpsychotherapeutin, Gestaltarbeit, Fortbildungen und Supervision mit Einzelnen und Gruppen. Sie war Professorin für Erziehungswissenschaften und Didaktik an der TU-Berlin, Fortbildnerin für WissenschaftlerInnen und Führungskräfte zu Kommunikations- und Handlungsstrategien sowie nichtlinearen dynamischen Systemen. Ausbilderin am Minster Centre, Middlesex University, London.

 

und hier gehts los...


Es gibt heutzutage keine Aufgabe mehr, die nicht auch von Frauen gemeistert werden könnte, auf der Ebene des Handelns gibt es für Frauen kaum noch Grenzen. Aber ihre sozialen Kompetenzen, wie Empathie, Phantasie und kommunikative Fähigkeiten können zu Begrenzungen werden, denn meist werden wir Frauen so erzogen, dass wir uns für die Befindlichkeiten, Äußerungen und Handlungen anderer Menschen verantwortlich fühlen.

 

Wir haben die Tendenz, uns schuldig zu fühlen und uns selbst abzuwerten, wenn wir nicht erreichen können, was wir wollen oder sollen.

So geben wir Frauen uns häufig große Mühe, eine gemeinsame Welt mit anderen herzustellen, und erleben es dann als persönliches Versagen, wenn uns solche ausgleichenden Prozesse nicht gelingen.


Es gibt viele solche alltäglichen Situationen, in denen wir Frauen die zugeschobenen Verantwortungen übernehmen und dann oft die gewünschten Ergebnisse doch nicht erreichen. Z. B. die Kinder zum Aufräumen zu bringen, den Mann zu besänftigen, die Freundin zu trösten, den Chef von etwas zu überzeugen, die Arbeitsstelle zu bekommen, die Anerkennung oder die Liebe eines anderen Menschen zu erreichen, usw. Oder wir leiden darunter, dass wir angeblich andere geärgert, verunsichert oder verletzt haben bzw. sind ärgerlich und wütend, weil wir keine Wirkung auf andere haben und uns hilflos fühlen.


Wenn wir dann nicht die Schuld an dem jeweiligen „Misslingen“ anderen Menschen oder den Umständen zuschieben können, bleiben meist nur wir selbst übrig. „Hätte ich nur nicht…“, „Wäre ich nur…“, usw. sind dann häufig die Satzanfänge, mit denen wir uns selber die Schuld an dem angeblichen Versagen geben.

 

Und damit glauben wir, wir hätten die Macht, die Prozesse so zu beeinflussen, dass sie uns gelingen könnten, wenn wir nur gut genug wären. Leider erleben wir diese angebliche „Macht“ meist nur als „Ohnmacht“, aber das hat uns - Frauen wie Männer - in den letzten Jahrhunderten nicht davon abgebracht, weiter daran zu glauben.


Nun aber machen uns unter anderem die Ergebnisse der Hirnforschung darauf aufmerksam, dass es sich bei diesen Annahmen um Illusionen handelt. Alle lebendigen Wesen – und nicht nur diese, sondern z. B. auch das Wetter, Ökosysteme usw. – sind selbstorganisierende Systeme und in solche Systeme kann nicht so eingegriffen werden, dass man ein erwünschtes Verhalten erreichen kann.

 

Sie sind nicht gezielt beeinflussbar und ihr Verhalten ist nicht berechenbar, nicht kontrollierbar und auch nicht vorhersehbar, bis auf kurze Zeiträume ist ihre Entwicklung nur in Echtzeit beobachtbar.

Es gibt zwar zwischen allen selbstorganisierenden Systemen ununterbrochene Wechselwirkungen, aber die Vorstellung gezielter Wechselwirkung muss - nach dem jetzigen Stand der Forschung - aufgegeben werden.

 

Das bedeutet gerade für uns Frauen etwas sehr Einschneidendes. Wir können uns erheblich entlastet fühlen, denn wir sind nicht mehr verantwortlich für die Impulse, Gefühle, Gedanken und Handlungen anderer Menschen. Wir können ihnen nur Wünsche erfüllen oder die Wunscherfüllungen verweigern. Das aktiviert zwar in den anderen die jeweils zu ihnen gehörenden Prozesse, wie Freude, Ärger, Wut, Enttäuschung usw., aber wir haben diese Gefühle nicht in ihnen erzeugt. Das ist nicht möglich.


Wir Frauen haben uns viel zu lange in Zurückhaltungen geübt, weil wir uns für die emotionalen Zustände unserer Mitmenschen verantwortlich gefühlt haben. Jetzt können wir – statt wie bisher mit Schuldgefühlen, Rechtfertigungen und Abwehr zu reagieren - Mitgefühl für sie entwickeln, wenn sie - wie wir- auf unterschiedliche Weise darunter leiden, dass Wünsche nicht erfüllt wurden. Ebenso wie sie können wir unsere Wünsche nur äußern, aber über die Wunscherfüllungen entscheiden immer die anderen. Wir können nur darum bitten.

 

Regine Reichwein hat dazu zwei spannende Bücher geschrieben. dazu Infos hier

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    johanna wüst (Samstag, 31 März 2012)

    Gestern habe ich Frau Prof. Reichwein in der Urania erleben können. Beeindruckend "lebendig" und souverän. So kann ich den eingestellten Beitrag noch besser genießen! Danke