„Wenn du dich nur ein bisschen mehr angestrengt hättest…“

oder der Blick deiner Mutter

 

 

Angelika wollte immer erfolgreich und die brave Tochter sein, auf die die Eltern stolz sein können. In der Schule hat sie sich deshalb sehr bemüht, nur Einsen nach Hause zu bringen. Einsen waren der Standard. Eine Zwei war schon nicht mehr viel wert, weil sie im Geiste schon die hochgezogenen Augenbrauen ihrer Mutter sah und ihren vorwurfsvollen Blick.

 

„Wenn du dich nur ein bisschen mehr angestrengt hättest…“. Und noch schlimmer war die Frage, "wieviel Einsen gab es denn?" Ganz viele? Naja, dann war das nichts Besonderes, wenn sie auch eine hatte. Falls sie nur eine Zwei hatte, aber andere hatten eine Eins, gab es Kritik. Die Botschaft dabei war klar. Andere haben es ja auch geschafft, warum du nicht. Nur eine Zwei. "Hättest du dich nur ein bißchen mehr angestrengt..." Das prägt. Dreien waren übrigens gänzlich unakzeptabel.

 

Und so war sie fleißig, lernte mehr als sie spielen ging und wurde ein angestrengtes, vernünftiges, für ihr Alter viel zu ernsthaftes Kind, das immer den Blick der Mutter spürte und deren Erwartung auf ihre Einsen. Andere Kinder machten Blödsinn. Sie nicht. Sie lernte und ansonsten half sie der Mutter im Haushalt und kümmerte sich um ihr Geschwisterchen. Freiraum gab es nicht viel und sie hielt das für normal.

 

Auch beim Studium war sie eine engagierte Studentin und natürlich schaffte sie auch hier einen sehr guten Abschluß. Ihre Aufgaben zuhause hatte sie weiterhin, denn zum Studium blieb sie praktischerweise in derselben Stadt weiter bei den Eltern wohnen. Da war nichts mit lustigem Studentenleben.



 

Sie heiratete früh und bekam bald darauf Kinder. Von nun an wurde sie noch fleißiger, noch gewissenhafter, noch vernünftiger. Jetzt hatte sie viel Verantwortung. Ausgelassenheit und Spaß hatte wenig Raum weil sie den Haushalt, Kindererziehung, Partnerschaft und Vollzeitjob wieder mit Bestnoten wuppen wollte.

 

Natürlich war sie dauererschöpft aber weder sie selbst, noch das Umfeld, nahmen das bewusst zu Kenntnisse und ernst. Alle waren, genau wie sie selbst, so daran gewöhnt, dass sie ohne Probleme funktionierte. Sie entwickelte früh reichlich körperliche Symptome wie Gallenbeschwerden, Migräne, Rückenschmerzen. Der Körper sprach deutlich zu ihr, aber sie verstand ihn nicht. Sie hatte immer noch die „Einsen“ vor Augen und machte immer weiter.


Der break


Bis sie Anfang Vierzig einen Break hatte.

 

Es ging nichts mehr. Alles war irgendwie falsch. Sie hatte sich ernsthaft neu verliebt und erkannt, dass ihr Leben irgendwie schon lange nicht mehr zu ihr passte. Ein ungekanntes Gefühl von Freiheit brach sich mit aller Macht Bahn. Sie erkannte plötzlich, dass sie noch nicht wirklich ihr eigenes Leben gelebt hatte. Immer hatte sie nur die, oftmals sehr hohen, Erwartungen Anderer für ihre eigenen gehalten und erfüllt. Plötzlich wurde auch der Job zu öde, die Beziehung ein Auslaufmodell. Die Kinder waren längst flügge, die Scheidung unspektakulär.

Sie kündigte ihren Job, der sie nur noch stresste und machte sich selbständig mit dem, was sie wirklich interessierte. Sie eröffnete eine Onlineberatung für Frauen, die zu neuen Ufern aufbrechen wollen.

 



 

Sie genoss die neue Freiheit, endlich alles selbst bestimmen zu können. War mit Feuer und Flamme bei ihrer Idee und baute sich nach und nach ein kleines, feines Geschäft auf. Alles lief gut bis sie anfing, zu schauen, was denn die Konkurrenz so machte. Vor allem auf Facebook wurde sie fündig.

 

Und plötzlich verlor die eigene Selbständigkeit immer mehr an Glanz. Scheinbar hatten die Anderen viel mehr Erfolg, fuhren Wahnsinnsumsätze, hatten die besseren Kunden und  tolle Erlebnisse. Und sie? Sie tat ihr Bestes, aber war das wirklich gut genug? Es fühlte sich auf einmal wie nur irgendwie rumkrepeln an. Wieso zogen Andere scheinbar an ihr vorbei?

Plötzlich war der Blick ihrer Mutter wieder da. „Wenn du dich nur ein bißchen mehr angestrengt hättest...“

 

Noch mehr anstrengen, doch noch eine neue Fortbildung machen, noch ein Zertifikat, noch mehr Marketing, Sales Funnels, Freebies?  Ihr schwirrte der Kopf und eine leise Mutlosigkeit überkam sie.

 

Zum Glück fiel ihr noch rechtzeitig ein, dass ja sie jetzt längst erwachsen ist und das die alten Gespenster aus der Vergangenheit waren. Sie muss längst niemandem mehr Rechenschaft über ihr Leben und ihre Leistung ablegen. Sie ließ sich von einem Coach helfen, der sie dabei unterstützte, die alten Glaubenssätze dazu loszulassen. Er half ihr zu erkennen, dass sie gut ist so wie sie ist, dass jeder einzigartig ist und dass sie niemandem mehr etwas beweisen muss.

 

Sie begriff endlich, dass sie der wichtigste Mensch in ihrem Leben ist. Sie baut jetzt weiter hoch motiviert an ihrem Geschäft, in genau ihrer eigenen Geschwindigkeit, Stein für Stein solide und nicht als Plattenbau. Manchmal schaut sie, was die Anderen so machen.

 

Dann lächelt sie und sagt „faszinierend!“

 

Und, wenn doch hin und wieder ein alter Glaubenssatz sich einmischt, dann weiß sie, dass es Hilfe gibt, die sehr schnell geht um sie wieder zu erden.